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Der Brockenlauf – eine (un)unterbrochene Sport-Geschichte


Am 03.09.2016 wird der 46. Brockenlauf gestartet. Die erste Sportveranstaltung dieser Art hatte aber schon vor über 88 Jahren, am 12. Juni 1927 stattgefunden. Was im ersten Moment als Druckfehler bzw. Widerspruch erscheint, klärt sich beim genaueren Hinsehen bald auf, spiegelt doch die Geschichte des Brockenlaufs auf ihre Weise deutsche bzw. deutsch-deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts wider.

Angefangen hatte alles in den 1920er Jahren. Der Ilsenburger Otto Schulze, ein junger und erfolgreicher Athlet, wollte in seiner Heimatstadt eine Laufveranstaltung ins Leben rufen. Die jedoch sollte nicht eine unter vielen, sondern eine ganz besondere sein. Schulze war sich natürlich darüber im klaren, dass die Wahl der Strecke in diesem Zusammenhang von entscheidendem Einfluß sein würde. Warum also nicht einfach den Weg über den Brocken nehmen, dachte er sich. Als dieses Ansinnen bekannt wurde, gab es in Läuferkreisen große Skepsis und zuweilen einfach Kopfschütteln. Solch einen anspruchsvollen Lauf kannte man bisher in ganz Deutschland nicht!  Vielen galt darüber hinaus eine Streckenführung direkt über den höchsten Harzgipfel als beinahe selbstmöderisches Unterfangen, hatten doch selbst geübte Wanderer mit dem Weg so ihre Schwierigkeiten - die Kondition, das unberechenbare Wetter ... Doch Schulze ließ nicht locker. Gemeinsam mit seinen Mitstreitern von der "Sportvereinigung 1924 Ilsenburg" sorgte er dafür, dass die waghalsige Idee Wirklichkeit werden konnte. Am Vormittag des 12. Juni 1927 war es dann soweit; neben Otto Schulze starteten an diesem Sonntag weitere 16 Läufer zum "1. Nationalen 20 km.-Brockenlauf". Selbst die ergiebigen Regengüsse der Vortage, die die ohnehin beschwerlichen Wege aufgeweicht hatten, konnten sie davon nicht abhalten. Vom Marktplatz aus ging es hinauf zum Brocken und wieder zurück. Wendepunkt war der Aussichtsturm auf dem Gipfel. Den Teilnehmern, unter denen neben den beiden Ilsenburgern Otto Schulze und Willi Droste Sportler aus der Region aber auch aus Magdeburg, Halle, Zwickau und Chemnitz waren, bot sich eine begeisterte Kulisse. Bis weit hinauf ins Ilsetal standen die Zuschauer. Unter ihnen allerdings viele, die bezweifelten, dass überhaupt einer der Athleten das Ziel erreichen würde. Um so größer war der Jubel, als nach 1 Stunde, 41 Minuten und 13 Sekunden der 24-jährige Lokalmatador und "Brockenlaufvater" Schulze als Erster das Ziel erreichte.

Die Ilsenburger Zeitung widmete die Titelseite ihrer Ausgabe vom 13. Juni 1927 unter der Überschrift "Unser Otto Schulze Brockenmeister" ausschließlich dem Sport. Neben einem ausführlichen Bericht vom Wettkampf ist hier unter anderem zu lesen: "Alle sportlichen Ereignisse, die in Ilsenburg bis jetzt stattfanden, sind durch den 1. Nationalen 20 km.-Brockenlauf in Schatten gestellt. Heimische Läufer sind an ihre schwere Aufgabe bewußt herangegangen, restlos ihre Kraft und Energie hinzugeben, um einen unvergeßlichen Sieg für Ilsenburg und seine Zukunft zu erringen. Wurde früher schon darauf hingewiesen, daß der Sport, wenn er sich in einem außerordentlichen Rahmen bewegt, mit dazu beitragen kann, dem Kur- und Fremdenverkehrswesen fördernd zur Seite zu stehen, so sind die Aufgaben, die dem 20 km.-Brockenlauf zu Grunde lagen, weit über Erwartung erfüllt worden." An anderer Stelle wurde mit Stolz gemeldet, daß im Rahmen der abendlichen Festveranstaltung "die Verkündung der Siege des 20 km.-Brockenlaufs durch Radio erfolgt sei"  und in diesem Zusammenhang betont, "welch großer Wert darin liege, daß der Name des Kurorts Ilsenburg zusammen mit den Leistungen der Brockenläufer in den Sportberichten der Radiosendegesellschaft bei allen Radiofreunden im In- und Ausland gehört worden sei." 

Der Zuspruch bei den Athleten, die stürmische Anteilnahme der Ilsenburger und ihrer Gäste sowie die gute Organisation hatten den Initiatoren des Brockenlaufes also recht gegeben und auch die letzten Zweifler überzeugt; die Erfolgsgeschichte dieser Sportveranstaltung hatte begonnen. Beständig wuchs in den kommenden Jahren die Zahl der Teilnehmer. Gingen 1928 28 Läufer an den Start, waren es im Folgejahr 33 und 1930 schon 49. Mit 106 Aktiven erlebte der Brockenlauf 1934 dann vorerst seine Rekordbeteiligung. 

Zu einer Legende der ersten Brockenläufe wurden die Duelle zwischen Otto Schulze und Otto Sulkowski. Letzterer hatte 1928 zum ersten Mal teilgenommen und mit neun Minuten Rückstand auf den Sieger Walter Pfaff aus Bitterfeld hinter Schulze den dritten Platz erreicht. In den beiden Jahren darauf trennten Otto Sulkowski vom Gewinner und "Brockenlaufvater" jeweils nur noch wenige Sekunden. Über den spannenden Zweikampf der Kontrahenten beim fünften Brockenlauf am 21. Juni 1931 berichtete die Presse sehr ausführlich. So war beispielsweise in der Wernigeröder Zeitung zwei Tage später zu lesen: "Als erster liegt Sulkowski vorn und führt. In glattem Lauf, ruhig und gleichmäßig nimmt er die schwierige Strecke. Ihm folgt als Zweiter im Abstand von ca. 3 Metern Mohring von der Sport- und Spielv. Magdeburg, in 10 Meter Abstand etwa kommt als 3. der vorjährige Brockenmeister Schulze". Otto Sulkowski erreichte dann den Gipfel als erster, wurde aber wenig später von seinem ärgsten Widersacher überholt. Doch damit war der Lauf keineswegs entschieden. "... um 11.18 Uhr passieren Schulze und Sulkowski wieder die Brockenstraße. Sulkowski holt immer näher auf, und eine Minute später hat er bereits Schulze überholt. Kurz vor dem Hotel 'Prinzeß Ilse' beträgt der Abstand bereits mehr als 30 Meter. Sulkowski scheint es zu schaffen, denn ruhig und gleichmäßig läuft er seine Strecke, während man bei Schulze eine leichte Ermüdung feststellen kann." Und tatsächlich, Otto Sulkowski hielt durch und erreichte mit einer Zeit von 1 Stunde, 37 Minuten und 17 Sekunden als Sieger das Ziel. Otto Schulze folgte ihm zwei Minuten später. 

Der 13. Brockenlauf im Jahre 1939 sollte dann für lange Zeit der letzte sein. Der ausbrechende Zweite Weltkrieg bescherte der sportlichen Tradition ein vorläufiges Ende. Viele der Athleten, die damals ihre Laufschuhe mit Stiefeln vertauschen mußten, verloren in den Folgejahren ihr Leben auf den Schlachtfeldern Europas.

Wiederbelebt wurde der Brockenlauf dann 1954. Zwar hatten unter anderem die 1952 verfügte Einrichtung von Sperrgebiet und Schutzstreifen den Organisatoren große Schwierigkeiten bereitet, dennoch konnten sie sich gegen alle Widerstände durchsetzen. 65 Sportler aus der DDR nahmen beim  "Otto-Schulze-Gedächnislauf" die anspruchsvolle Brockenstrecke in Angriff. Im Jahr darauf, beim 15. Brockenlauf, wetteiferten dann sogar wieder Akteure aus Ost und West gemeinsam um die begehrten Titel. In den folgenden Jahren wuchs die Popularität des Laufes mehr und mehr. Als schließlich 1960 der 20. Brockenlauf stattfand, ahnte wohl kaum jemand, daß dieser Sportveranstaltung die größte Zwangspause ihrer Geschichte unmittelbar bevorstand. Ein Jahr später bedeutete dann die Grenzschließung vom 13. August das zweite und scheinbar endgültige Aus für den so traditionsreichen Wettkampf.

Erst die friedliche Revolution sowie die Grenzöffnung im Herbst 1989 gaben den Ilsenburger Lauffreunden neue Hoffnungen. Nachdem der höchste Harzgipfel wieder frei und für jedermann zugänglich geworden war, setzten sie alles daran, um den Brockenlauf zum zweiten Mal wiederzubeleben. Erneut waren viele Schwierigkeiten und Probleme zu bewältigen, so z.B. bürokratische Hürden zu überwinden und Forderungen der Naturschützer zu erfüllen. Doch der Aufwand lohnte sich! Am 8. September 1990 starteten insgesamt 438 Läufer – unter ihnen auch erstmals 16 Frauen -– unter dem Jubel der Zuschauer. Ein neues Kapitel der (un)unterbrochenen Geschichte des Brockenlaufs hatte damit begonnen.